Aus dem Leben eines Pendlers. #MeckerMontag

…ok, ich geb‘ es zu: Die nachfolgende Situation hat sich nicht an einem Montag zugetragen, sondern letzten Freitag. Zum Start ins Wochenende. Ein richtiger Traum. Ich hoffe man hört die Ironie deutlich raus.

Man könnte jetzt aus der Überschrift ableiten, dass die Hauptrolle ganz klar das Verkehrsmittel an sich gespielt hat. Aber nein, der Zug war das geringere Problem an diesem Freitagmorgen. Wenn man morgens zwangsläufig um 06.39h vom Heimatbahnhof aufbrechen will, um relativ früh ins Wochenende starten zu können, dann ist es natürlich erst einmal nervig zwanzig Minuten in der Kälte zu stehen und nicht zu wissen, ob und wann die Bahn einrollt. Auch bei milder werdenden Temperaturen ist Wartezeit morgens einfach nicht ganz so cool. Vor allem, wenn natürlich keinerlei Informationen über die Abweichungen vom Fahrplan erfolgen. Ich aktualisierte also immer wieder die „Ist-mein-Zug-pünktlich?“-Seite innerhalb meiner SmartphoneApp und redete mir gut zu, dass das Wochenende ja schon greifbar ist und konzentrierte mich auf die Vorfreude über den kurzfristigen Kosmetiktermin in der Mittagspause.

Der Zug fuhr ein. Mit zwei, statt der erforderlichen drei Waggons.

Sehr viele Pendler auf sehr kleinem Raum. Positive Gedanken zu fassen werden zunehmend schwierig – keine Frage.

Ich lasse so gut wie alle Mitfahrer vor mir einsteigen, um einfach nah an der Tür stehen bleiben zu können und meine Ruhe zu haben. Diesen Plan durchkreuzte eine weißblonde, kleine, zierliche Frau schätzungsweise im Alter zwischen 50-60 und ihr Mann Rüdiger. Ihren Namen weiß ich leider nicht. Aber er wurde so oft von seiner Frau beim Namen genannt, dass Rüdiger für mich in dem Drama die Hauptrolle gespielt hat. Einfach, weil namentlich bekannt und er mir immer noch sehr leidtut. Rüdiger war scheinbar auf einen Anschlusszug angewiesen, der ihn in die hessische Landeshauptstadt bringen sollte. Das beschäftigte ihn allerdings nicht annähernd so sehr wie seine Frau. Die drehte nämlich vollkommen auf und meine Gedanken pendelten während der 30-minütigen Zugfahrt immer wieder zwischen „Warum nutzt du öffentliche Verkehrsmittel?“ „Gab‘ es jetzt schon zwei Minuten ohne ein Wort oder eine Aktion von dir?“ und „Wie lange kann man eine solche Person ohne bösartige Gedanken ertragen?“.

Rüdiger hatte eine rundum sympathisch-bodenständige Ausstrahlung. Seine Funktionsjacke in einem feschen Grünton und die metallische, randlose Brille auf seiner knubbeligen Nase waren die Eyecatcher neben seiner ruhigen und gelassenen Art auf die Worte seiner Frau einzugehen oder sie einfach zu ignorieren.

Die wiederum machte sich immer wieder neue Gedanken, wenn sie nicht gerade dabei war zu wiederholen, dass ihr „irgendwie komisch“ sei und sie Bahnfahren „heute richtig daneben“ fände. Sie war komisch. Und daneben. Sie plante, dass das Zeitungsabo für zwei Tage(!) ausgesetzt werden müsse, worum sich Rüdiger noch zu kümmern habe und erinnerte ihn unter einem großen Seufzer, dass er sich noch immer nicht mit dem neuen Staubsauger auseinander gesetzt habe. Aber er jetzt endlich mal an der Reihe wäre auch einmal für „Glanz in der Bude“ zu sorgen. Auch im Bad. Den Rest hätte sie ja im Griff. Rüdiger antwortete mal mit einem stummen Nicken, mal mit einem „Mhm.“ – mal gar nicht. Während einer halben Minute ohne Sabbelei, kramte sie in ihrer Tasche und holte ein Schlüsselbund hervor, an dem auch eine kleine Taschenlampe mit Blinkfunktion baumelte.

Rüdiger wurde ernsthaft direkt ins Gesicht gestrahlt. Mehrmals. Munter blinkend. Und ich war spätestens an diesem Punkt komplett fassungslos.

bodenzug

Während meine Mitfahrerin wieder beteuerte wie müde sie sei und ihrem Rüdiger am Ohr rumpulte, suchte ich die versteckten Kameras und sehnte das Ende der Bahnfahrt herbei. Aber ich habe sie nicht gefunden, guckte einfach für den Rest der Bahnfahrt auf den gruselig gemusterten Boden und schickte Stoßgebete in den Himmel, dass ich bitte niemals so schrullig werden würde wie diese Frau mit ihren pinkfarbenen Fellhandschuhen.

In der Hoffnung, dass ich erhöhrt wurde:

Einen guten Wochenstart!

Ein Gedanke zu “Aus dem Leben eines Pendlers. #MeckerMontag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s